Man sollte den Chaos Communication Congress als politische Aktion begreifen. Für fünf Tage eignen sich Hacker:innen und Aktivist:innen einen der größten Veranstaltungsorte des Landes an und machen ihr eigenes Ding. Das alles geschieht ohne Sponsoren und Fördergelder. Es gibt keine Firmen oder Ministerien, die dieser Community etwas von außen auferlegen können. Keine Zwänge von jemandem – außer den Teilnehmenden selbst – zu gefallen oder Kompromisse einzugehen.
Der Kongress ist damit ein Paradebeispiel für die Selbstorganisation alternativer Communities. Er zeigt: Wir können die größte Gesellschaftskonferenz des Landes veranstalten. Wir laufen mit unterschiedlichen Themen in der Tagesschau und in allen großen Medien. Wir verstecken unsere politische Haltung nicht. Unsere Inhalte sind relevant. Mit uns ist in politischen Auseinandersetzungen zu rechnen. Und zwar im ganz, ganz großen Stil.
Ganz groß war auch der Kongress in diesem Jahr. So groß wie noch nie. Mehr als 16.000 Teilnehmende aus der ganzen Welt trafen sich mehrere Tage lang, um über die Zukunft zu sprechen, zu streiten und zu verhandeln. In fast 200 Vorträgen auf den großen Bühnen und in unzähligen selbstorganisierten Workshops. In Assemblies und auf dem mittlerweile riesigen Campingplatz vor dem Messezentrum. Mit Kindern und Jugendlichen. Mit Lötkolben und Riesenlego. Mit Klimaschützern und Seenotrettern.
Schon Wochen vor dem ersten Kongresstag reisen die ersten Aufbauenden an, die letzten verlassen am Wochenende Leipzig. Doch auch in dieser Größe bleibt der Congress unkommerziell, fühlt sich weiterhin sehr frei an und fährt eigene Wege in Sachen Sicherheit.
Wachstum, Politisierung, Diversität
Dabei setzt der Kongress seine Strategie des Wachstums und der Vielfältigkeit fort. Noch nie haben so viele Frauen beim Chaos Communication Congress auf den großen Bühnen gesprochen: Zwar sind es immer noch nur 28 Prozent, aber der Trend ist eindeutig. Beim Publikum pendelt sich die Frauenquote offenbar leider bei rund 20 Prozent ein, wovon „kleinerdrei“ nach einer Schätzung ausgeht. Sollten die Zahlen stimmen, gibt es hier also noch einiges zu tun.
Doch Vielfältigkeit bemisst sich nicht nur nach Quoten. Es geht auch um die verhandelten Themen. Und so kann man sich mittlerweile über Theater und Digitalisierung genauso auf dem Kongress informieren wie über Geschlechterungerechtigkeiten in der Medizin. Dass Gendervorträge und ein Hackerkongress hervorragend zusammenpassen, belegte Sarah Hiltner mit ihrem Talk auf unterhaltsamste Weise.

Bei soviel Politik und Diversität kam es erwartbar zu kleineren Scharmützeln über die politische Ausrichtung des Kongresses. Mit dem Motto „Refreshing Memories“ hatte der 35C3 an die Weimarer Republik erinnert. Dass es den Veranstalter:innen auch inhaltlich wichtig war, gegen Rechtsradikale, Rassisten und Nazis ein Zeichen zu setzen, zeigte sich nicht nur an der großen Antifa-Flagge am Eingang, die während der ganzen Veranstaltung hängen blieb, sondern auch in zahlreichen Talks mit antirassistischer, feministischer und sozialer Ausrichtung. Das kam, außer bei ein paar lautstarken Bloggern und rechtsradikalen Trollen, insgesamt sehr gut an. Im Gegensatz zu den Krakeelern und Twitter-Trollen, die den CCC wegen seiner Haltung zu diskreditieren suchten, gab es auch kritische Zwischentöne zu den Schwierigkeiten einer Politisierung.
Dennoch: Zeichen setzen und Gesicht zu zeigen, das ist eben nicht nur eine Redewendung, sondern erfordert praktisches Handeln, die der 35C3 auch so deutlich wie lange nicht mehr umsetzte. „Das Hackerherz schlägt links“ titelte das Neue Deutschland, und das nicht erst seit Leipzig. Die Sprecher des Chaos Computer Clubs verwiesen auf die lange linke und progressive Tradition des Vereins. Wer sich mit der Geschichte des CCC beschäftigen möchte, der kann mit diesem Podcast anfangen.
In die Debatte um die klare Haltung gegen Rechts mischten sich Klagen rund um die Aussage „Früher war mehr Technik“. Doch auch die ist kaum haltbar, wie ein Blick auf den 15C3 oder diese aktuelle Aufzählung zeigt. Denn selbstverständlich gibt es weiterhin extrem viele technisch hochkarätige Vorträge, die bei Nicht-Technikern und Programmierunkundigen nur ahnungsloses Achselzucken auslösen, auf dem Kongress aber Säle mit tausenden Plätzen füllen. Dass auf die Vermittelbarkeit von Themen bei gleichzeitiger Verzauberung des Publikums geachtet wird, ist dennoch wichtig: So ist der größte Saal voll gefüllt, als starbug die letzte Bastion der Biometrie hackt und Joscha Bach wieder einmal im Schweinsgalopp in die Welt der Computer und Gehirne entführt. Gleichzeitig werden scheinbar dröge Themen wie der ZDF-Fernsehrat oder die Informationsfreiheit mit soviel Humor aufbereitet, dass sie aus der Nische herauskommen und begeistern. Man kann den 40 Menschen, die in unterschiedlichen Content-Teams die Vorträge aus mehr als 650 Einreichungen ausgesucht und betreut haben, (fast) nur gratulieren für dieses vielfältige Programm auf dem 35C3.

Einfach ein angenehmer Ort
Was immer wieder im Vergleich zu anderen großen Festivals auffällt, ist wie lösungsorientiert und rational die Teilnehmer:innen des 35C3 den Herausforderungen von Massenveranstaltungen entgegentreten. Das reicht von der Einsicht, dass kluges Agieren in Warteschlangen zu einer kürzeren Wartezeit führt und damit gemeinwohlorientiert ist, bis hin zur perfekten Organisation bei der Platzvergabe in überfüllten Veranstaltungsräumen. Das macht den Kongress zu einem sehr angenehmen Ort, weil viele Leute ihr Ego hinten anstellen, damit alle einen schöneren Kongress haben.
Oder um es in den Worten von Christian zu sagen:
Ich mag den Congress weil hier 4 Tage lang Menschen miteinander umgehen wie ich mir das allgemein in unserer Gesellschaft wünschen würde. Man behandelt andere wie man selbst behandelt werden möchte, man tritt eher einen Schritt zurück als auf seiner Meinung zu beharren und das Wohl des anderen ist einem genauso wichtig wie das eigene. Als kleinsten gemeinsamen Nenner ist man sich über grundlegende Dinge wie Menschenrechte einig und lehnt gruppenbezogene Diskriminierung ab.
Ein erschreckendes Ausmaß an Professionalität
Der Chaos Communication Congress hat mittlerweile allerdings ein fast schon erschreckendes Ausmaß an Professionalität erreicht. Das liegt auch an der Leipziger Messestättenverordnung, die in Sachen Sicherheit und Brandschutz zu den härtesten der Welt gehört – und den Kongress in ein enges Korsett presst. So war von verschiedener Seite zu hören, die Verordnung würde Chaos und Spontanität abwürgen, während Organisationsfetischisten Oberwasser bekämen. Dabei sollten die Teilnehmenden doch auch auf dem Kongress lernen, Regeln und Autoritäten kritisch zu hinterfragen, witzelt einer, der schon lange dabei ist mit Verweis auf die Hackerethik.
Doch das ist Kritik auf hohem Niveau, denn der Kongress ist und bleibt ein Raum der Freiheit. Ein wichtiger Termin, der Hacker:innen aus Technik, Medien, Kultur und sozialen Bewegungen zusammenbringt, deren Vernetzung sowie gemeinsame Projekte fördert und so letztlich die demokratische Zivilgesellschaft stärkt. In Zeiten einer erstarkenden rechtsradikalen und autoritären Bewegung ist diese pluralistische, professionelle, und progressive Veranstaltung wichtiger denn je.
